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Auf Spanisch, Englisch und Deutsch bezeichnet das Wort latent – latente – etwas vorhandenes, aber [noch] nicht in Erscheinung getretenes, das nicht unmittelbar, sichtbar oder zu erfassen ist. Allerdings beinhaltet die Idee des Latents für Spanischsprachige auch die Idee des Lebendigen … und es ist nicht zufällig. Auf Spanisch kommt Latent nicht nur vom lateinischen Verb “latere”, verstecken, sondern auch vom spanischen Verb “latir”, dessen Partizip aktiv (Partizip I) , auch “latente” wäre, und dessen Bedeutung das rhythmische Klopfen eines lebenden Herzens bezeichnet. Diese Bedeutung schwingt für Spanischsprachige mit, obwohl das Partizip aktiv heute im Spanischen nicht mehr verwendet wird.

Auf jeden Fall ist diese Verbindung zwischen “Latente” (etwas Lebendiges bergendes und Verborgenes) und “Latir” (etwas in der Brust klopfendes) falsch. Das spanische Verb “latir” stammt nicht aus dem lateinischen “latere”, “verstecken”, sondern aus dem lateinischen “glattire”, das “bellen” bedeutet und das erstmals für das Klopfen der Herzens von den Dichtern der Renaissance angewandt wurde. Denn vielleicht doch nicht so zufällig war: ein rebellisches Herz ist ein bellendes Herz. Kurz zuvor trat im Mittelalter die Idee der sinnlichen Liebe und des Minnesangs auf. Eine neue Freiheit des Liebens trotzte mit beträchtlicher Kraft sozialen Normen, Höflichkeitsprotokollen und familiären oder politischen Konventionen. Um mehr darüber zu lesen, empfehle ich folgenden Essay: Die doppelte Flamme, Liebe und Erotik, von Octavio Paz (Mexico, Seix Barral, 1993).

Es war die Weiterentwicklung der Sprache, die mit ihren subtilen, geheimnisvollen Verknüpfungen, Sprüngen, langen Strecken und unerwarteten Abkürzungen, beide Wörter, Buchstabe für Buchstabe, in derselben Vokabel zusammentreffen ließ.

Latent und latent, was verbirgt und was klopft, so wie dieses lebendige, unsichtbare Mysterium, das die Dichter der Renaissance bellen hören konnten, wenn sie die Realität abhorchten.

Die Tendenz oder Versuchung der Spanischsprachigen, diese Worte Latente und Latente gleichzusetzen, ist zweifelsohne von einer tiefen Lyrik geprägt. Latente ist etwas Verstecktes, aber auch etwas Lebendiges. Latent ist die unsichtbare Macht under die Haut der Dinge, des klopfenden Herzens in der Brust, der schlafenden Vulkane, des aufkommenden Erdbebens und des Fallens der Regentropfen, kondensiert vor dem Sturm.
Latent ist die verborgende, wartende Energie der Phasenübergänge, der Kräfte der Resilienz. Ein Bellen der Freiheit, ausgebrütet im Keim der individuellen oder kollektiven Revolution.

Latent: 20131030/LE

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