{"id":283,"date":"2017-12-12T16:03:58","date_gmt":"2017-12-12T16:03:58","guid":{"rendered":"http:\/\/oficinadelatentes.com\/latentamt\/?p=283"},"modified":"2017-12-12T16:10:49","modified_gmt":"2017-12-12T16:10:49","slug":"283","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/oficinadelatentes.com\/latentamt\/2017\/12\/12\/283\/","title":{"rendered":"Kratzen an der Wange und am Leben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"http:\/\/oficinadelatentes.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/foto-abuela-Chelo-y-mi-padre.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-148 aligncenter\" src=\"http:\/\/oficinadelatentes.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/foto-abuela-Chelo-y-mi-padre-210x300.jpg\" alt=\"foto-abuela Chelo y mi padre\" width=\"498\" height=\"706\" \/><\/a><\/p>\n<p>Consuelo starrt vor sich hin, aber wir wissen nicht, ob sie uns sieht. Ich glaube schon. Sie sieht mich, wenn ich in ihrer N\u00e4he bin und in ihr Blickfeld komme. Ich wei\u00df das, denn selbst wenn sie ihre Augen auf einen fixen Punkt gerichtet hat, bewegen sie sich, wenn ihr etwas auf die Nerven geht. Als Beweis ist das ja wohl nicht gerade wenig. Dann neigt sie ihren gro\u00dfen Kopf leicht auf eine Seite des Bettes und man kann fast ihre Augenbrauen wie zwei Fragezeichen in ihrem sonst ausdruckslosen Gesicht erkennen. Das ist eine Grimasse, die wir sehr gut kennen, und die mich gl\u00fccklich stimmt: solange sich Consuelo beschwert, urteilt, befiehlt und kontrolliert, solange sie grummelig, dominant, anspruchsvoll und manchmal sogar ziemlich r\u00fccksichtslos ist, solange ist sie noch auf der Seite der Lebenden. Manchmal warte ich auf diese Gesten, da sie f\u00fcr mich wie ein Geschenk des Himmels sind.<\/p>\n<p>Ich beuge mich \u00fcber sie und k\u00fcsse sie, so wie wir es in meiner Familie machen: ganz viele K\u00fcsse hintereinander ohne die Lippen von der Wange zu nehmen. Als Antwort h\u00f6re ich, wie sich ihre Lippen nahe meines Ohres ganz leicht schlie\u00dfen und \u00f6ffnen. Dass sie mich bewusst wahrnimmt, erf\u00fcllt mich mit Freude.<\/p>\n<p>Zum Geburtstag meines Vater habe ich ihm einen Videofilm geschenkt, in dem ich sein ganzes Leben in Fotografien gezeigt habe, vom \u00e4ltesten Moment, den ich aus der Vergangenheit zeigen konnte, bis zum heutigen Tag. F\u00fcr mich war es, als w\u00fcrde ich in Google Earth die Autobahn zwischen Paris und Shanghai studieren. Ich nehme an, dass es f\u00fcr ihn war, als w\u00fcrde er erneut diese Strecke fahren.<\/p>\n<p>Der Film f\u00e4ngt mit dem \u00e4ltesten Bild, das wir finden konnten, an. Es f\u00e4llt schwer zu glauben, dass dein Vater dieses zweij\u00e4hrige Kind ist, dass vor diesen verschwommenen und k\u00fcnstlichem Hintergrund, einem alten Fotostudio gleich, sitzt und in die Kamera guckt. Es f\u00e4llt schwer an sein Leben in diesem Moment, und auch sp\u00e4ter, zu denken. Sein Leben als Kind, das Dummheiten sagt und an der runden perfekten und unendlichen Mutterbrust liegt. Mit einem Glas Champagner in der Hand beobachtete ich ihn und lass mich verleiten von der Idee seiner Stimme, seiner Spiele, der Leinwand seines Geistes, der zu dem Zeitpunkt anfing, sich mit sprudelnder Information zu f\u00fcllen, die zu dem f\u00fchren w\u00fcrden, was er heute ist: die Person, ohne die ich mir mein Leben nicht vorstellen kann. Mein Vater, er ist ein guter Typ. Aber so sehr ich auch \u00c4hnlichkeiten suche \u2013 mein Vater wie er steht, inmitten seiner Freunde, lachend den Film guckend, und das kleine Kind, von der Kamera aus alle anschauend, w\u00e4hrend ein altes italienisches Lied spielt. Nein, ich konnte nicht mehr \u00c4hnlichkeiten finden als zwischen Saturn und einen Tausendf\u00fc\u00dfler.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Bild war vom gleichen Kind, ein kleines M\u00e4uschen, das versucht am Rande des Bordsteines zu laufen, vorsichtshalber an der Hand seiner Mutter: einer dunkelhaarigen Frau, weder dick noch d\u00fcnn, die das gleiche h\u00fchnerartige Gesicht hat, das mich jetzt vom Bett aus mit den grauen, glanzlosen Augen anguckt \u2013 obwohl ich nicht sicher sein kann, dass es mich sieht.<\/p>\n<p>Diese Tage liegt Consuelo zwischen den ganzen Stimmen, die es sich zum Alltag erkl\u00e4rt haben, sie zu pflegen. Ich wei\u00df nicht, was ich ihr erz\u00e4hlen soll. Obwohl ich ihr so viele Sachen erz\u00e4hlen k\u00f6nnte, die sie erfreuen w\u00fcrden, ersch\u00f6pft heute alles ihren Geist. Ich nehme sie an der Hand, sage ihr einfach, dass ich viel arbeite und das dies ein Gl\u00fccksfall ist. Sie wei\u00df so etwas zu sch\u00e4tzen. Und obwohl es noch so viel zu erz\u00e4hlen gibt, belassen wir es dabei.<\/p>\n<p>Sie mag es, wenn man sie an der Hand nimmt, davon ist sie regelrecht besessen. Ich an ihrer Stelle w\u00e4re auch besessen davon. Man sagt, dass sie dann wie ein junges M\u00e4dchen wirkt, aber ich finde diese Geste l\u00e4sst sie wie die Frau erscheinen, die sie ist. So wie ich ein Mann bin und kein Junge. Das kriege ich jedes Mal mit, wenn sie etwas sagen will und wir alle uns \u00fcber sie beugen, um sie besser zu h\u00f6ren. Ihre gro\u00dfe und langsame Anstrengung, um ihre Stimme zu artikulieren, erf\u00fcllt uns mit dienender Erwartung. Ich dr\u00fccke die Daumen, damit es eines ihrer Urteile ist, ein unn\u00f6tiger Vorwurf, eine etwas kaprizi\u00f6se und nicht sehr wichtige Forderung, eine ihrer hervorragenden Moralpredigten&#8230; letztendlich sagt sie:<\/p>\n<p><em>Ich habe Angst.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026 Ach, das war es. Ach Oma, komm, wir sind doch hier, komm schon &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Wir kuscheln mit ihr, machen Sp\u00e4\u00dfe, nehmen das \u00d6l aus dem Feuer. Aber trotz alledem knirscht etwas tief in mir drin und es ist nicht wegen des M\u00e4dchens. Es ist wegen einer Frau, die ich an der Hand halte, und es ist sie, und nicht das M\u00e4dchen, die sich von dieser Geste beruhigen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ich streichle ihre kleinen Finger, mit dieser Mischung aus Liebe und dem Bewusstsein des physischen Kontakts. Ich streichle ihre Finger, wie wohl ihr Mann sie ber\u00fchrt hat, als sie zusammenkamen. Ich sp\u00fcre ihr W\u00e4rme, weit entfernt durch ihre geschwollene und fleckige Haut, die ich fasziniert betrachte: Ich fahre ihre Handgelenke nach, ihre Arme, die auf der Bettdecke ruhen, kraftlos und voller Frostbeulen, obwohl es nicht kalt ist. Ihr Hals hat diese horizontale Narbe, so eigen, so ihre, und dieses Gesicht, in dem ich sofort das Gesicht der Fotografie erkenne. Die gleichen Augen, der gleiche Mund, heute h\u00e4ngend und sabbernd. Aber es ist der gleiche Mund.<\/p>\n<p>Ich stelle mir ihre Schultern vor, ihre Brust unter dem Hemd, ihren Bauch, ihre Beine, einfach ihren K\u00f6rper: dem K\u00f6rper, mit dem sie leben musste, ein bisschen leiden und sehr viel genie\u00dfen&#8230; mit allen seinen Macken und Leistungen, mit dem sie als Kind gespielt oder gesungen hat, bis sich die Stimme wie auf einer Autobahn verlor; derselbe K\u00f6rper \u2013 mir ist es unm\u00f6glich, nicht daran zu denken \u2013 der so oft mit meinem Gro\u00dfvater geschlafen hat und das kleine Kind auf dem Bild geboren und nachher spazieren gefahren hat. Das kleine Kind, von dem man sagt, dass es mein Vater ist, obwohl es mir genau so schwer f\u00e4llt, das zu glauben, wie es mir leicht f\u00e4llt, sie jetzt vor mir zu erkennen.<\/p>\n<p>Vielleicht, weil auch ich sie mein ganzes Leben gesehen hat, weil ich auf ihrem Scho\u00df gesessen habe und diese Erinnerung daran konstant ist, seit langer Zeit da, sich mit den Spielsachen, die ich verloren habe, vermischt, zusammen ins Schwimmbad gehend, ins Meer&#8230; bis zu den Jahren, in denen wir endlich eine intellektuelle Komplizenschaft aufgebaut haben, eine Freundschaft, jetzt mit Ideen spielend statt mit Bildern, uns selber kennenlernend und teilend. So viele Sachen, dass ich mir ihr sogar \u00e4hneln wollte, wenn ich mal alt bin, und mein ganzes Leben diese unersch\u00f6pfliche Neugierde beibehalten wollte, diese Neugierde, durch die sie ihre Jugend beibehalten hat, oder die zumindest Teil ihrer Jugend in die meine gebracht hat.<\/p>\n<p><em>Fraktale? Omi? Wie soll ich dir jetzt erkl\u00e4ren, was Fraktale sind?<\/em><\/p>\n<p>Ich musste es ihr erkl\u00e4ren, und sie hat es verstanden. Auf ihre Art ersetzt sie Ignoranz mit der Tugend derjenigen, die es wagen, sich in unbekannte Gew\u00e4sser zu begeben.<\/p>\n<p>Seit dem Moment, in dem ich ihre Hand genommen habe, reise ich zur\u00fcck in der Zeit. Ich durchkreuze sie wie eine Wolke voller klarer \u2013 oder auch unklarer \u2013 Zeichen (ihre Kraft, ihre Position, ihre Schnelligkeit, ihre W\u00e4rme, die Frequenz ihrer Stimme, wenn sie einen ausschimpft oder auch liebevoll etwas sagt&#8230;) die jeden Moment definieren, in dem mein K\u00f6rper mit dem ihren interagiert hat. Von diesem Moment an, jetzt, wo sie auf einmal reagiert und mich kraftlos an der Hand nimmt, bis zu den Momenten, in sie mich auf ihren Scho\u00df genommen hat und ich mich, ohne zu zweifeln, von ihrer Kraft habe hochheben lassen, was f\u00fcr ein Kind genauso sicher ist wie das Meer. Ich denke sogar an die Zeit zur\u00fcck, in der meine Gro\u00dfmutter noch nicht meine Gro\u00dfmutter war, sondern eine Frau mit einem Leben vor sich. Und obwohl man es mir so oft erz\u00e4hlt hat, in vielen Sachen, wird sie immer eine Unbekannte f\u00fcr mich sein&#8230;<\/p>\n<p>Auf einmal, meine Hand loslassend, hebt Consuelo den Arm, ganz langsam, wie eine schwere Fahne. Und ich ermutige sie: Komm Oma, komm, komm, ja, ja&#8230; leise und erfreut&#8230; bis ich, respektvoll und etwas neugierig, still werde und sie beobachte wie sie sich konzentriert.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfmutter kratzt sich an der Wange.<br \/>\nUnd in dieser Geste sehe ich die Unendlichkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Consuelo starrt vor sich hin, aber wir wissen nicht, ob sie uns sieht. Ich glaube schon. 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