{"id":261,"date":"2017-07-31T20:07:25","date_gmt":"2017-07-31T20:07:25","guid":{"rendered":"http:\/\/oficinadelatentes.com\/latentamt\/?p=261"},"modified":"2017-12-13T00:02:26","modified_gmt":"2017-12-13T00:02:26","slug":"wenn-maenner-gebaeren-koennten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/oficinadelatentes.com\/latentamt\/2017\/07\/31\/wenn-maenner-gebaeren-koennten\/","title":{"rendered":"Wenn M\u00e4nner geb\u00e4ren k\u00f6nnten (Nachrichten aus dem Hyperspace)"},"content":{"rendered":"<p><strong>I.<\/strong> Eine Ameise krabbelt auf der Oberfl\u00e4che eines gro\u00dfen Luftballons. Sie kann vorw\u00e4rts, r\u00fcckw\u00e4rts, rechts und links gehen und sich um sich selbst drehen. Zwei Dimensionen, in denen sie sich bewegen kann, ergeben zusammen mit der Drehung drei Freiheitsgrade.<\/p>\n<p>Der Luftballon explodiert. Die Ameise f\u00e4llt in die Leere, oder vielleicht wird sie hoch in die L\u00fcfte geschleudert \u2013 gewaltig befreit.<\/p>\n<p>Nicht nur fallen oder aufsteigen kann sie, sondern sich ebenfalls wie eine Schwalbe in der Luft oder wie ein Schwimmer im Wasser um sich selbst drehen. Eine weitere Dimension und zwei m\u00f6gliche Drehungen, also drei Dimensionen und sechs Freiheitsgrade.<\/p>\n<p>Die Ameise durchquert den Raum, den sie zu kennen glaubte, wie sie sich nie zuvor h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Ameise ist im Hyperspace.<\/p>\n<p>Sie ist so leicht, das die Luft selbst ausreicht, um ihren Sturz abzud\u00e4mpfen und ihr Hautskelett so dick, dass sie den Kr\u00e4ften problemlos standh\u00e4lt, die auf ihren kleinen K\u00f6rper einwirken.<\/p>\n<p>Nun f\u00e4llt sie auf den Boden, eine neue zweidimensionale Fl\u00e4che. Auf ihr kann sie sich nicht mehr drehen wie eine Schwalbe oder wie ein Schwimmer, und weder aufstreben noch herunterfallen. Alles kehrt zur Normalit\u00e4t zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Aber welch ein Schreck: Der Hyperspace mit seinen neuen M\u00f6glichkeiten und seinen gewaltigen Freiheitsgraden.<\/p>\n<p><strong>II<\/strong>. Du, mein Kind, denkst, das Universum sei ein dicker Punkt. Ein Punkt, an dem viel passiert und an dem sich alles konzentriert: Vibrationen, Geschm\u00e4cker, warme Kl\u00e4nge, ged\u00e4mpft durch die Fl\u00fcssigkeit, die alles umgibt.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich beginnt dieses Universum, sich zu verengen. Es zieht sich zusammen und wird immer unbequemer. Du versuchst, dich darin neu zu arrangieren, dich in diesem Punkt einzuf\u00fcgen, der immer kleiner wird und dich von sich fortzusto\u00dfen scheint. Du wei\u00dft weder, was es ist, noch wie lange es dauern wird, du wei\u00dft nur, dass sich dein Universum verengt und du bald nicht mehr hineinpasst.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen h\u00f6rst du Stimmen, Schreie, Atem, ein nerv\u00f6ses Lachen, voller Angst und Unsicherheit.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich l\u00e4sst der Druck nach. Das Universum expandiert auf einen Schlag, immens wie du es dir nie h\u00e4ttest vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dein Kopf und deine Arme scheinen von dir fallen zu wollen als w\u00e4ren es Fremdk\u00f6rper. Du sp\u00fcrst deine Last und Tr\u00e4gheit. Das, mein Kind, ist die Schwerkraft.<\/p>\n<p>Die s\u00fc\u00dfe, k\u00f6rperliche Fl\u00fcssigkeit verschwand genauso wie die warmen W\u00e4nde, die dich eins\u00e4umten und dir Halt gaben. Zur\u00fcck bleibt eine K\u00e4lte ohne Namen. Das, mein Kind, ist die Luft, die du noch entdecken musst und die Nacktheit, die sie dir noch beibringen werden.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Minuten musst du diese Luft einatmen lernen, um deine Lungenbl\u00e4schen zu entfalten und einen Zyklus zu aktivieren, der dich bis zum Tode begleiten wird.<\/p>\n<p>Ohne die d\u00e4mpfende Fl\u00fcssigkeit, die dich umgab, erreichen dich nun ungefiltert neue Frequenzen. Der schrille Klang der Welt.<br \/>\nDie Stimme, die dich begleitet hatte, ist nun nicht mehr dieselbe.<br \/>\nAuch du bist nicht mehr dieselbe f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Deine Augen werden von Licht erf\u00fcllt, und deine Nase von sensualen Offenbarungen.<\/p>\n<p>Wie die Ameise in den Hyperspace fiel, so f\u00e4llst du in die Welt.<\/p>\n<p><strong>III.<\/strong> Ich sehe meine Frau, die geliebte Seele, der ich am meisten vertraue, zum Primitivsten ihrer Biologie herabsinken. Den Prozess begann sie mit Geist und Vernunft \u2013 denn Lieben ist vern\u00fcnftig \u2013 doch beides wird ihr beim Beenden nicht helfen.<\/p>\n<p>Ich sah, wie ein Mensch in ihrem Inneren entstand, ihre Organe zusammenpresste und verschob, sie deformierte und meine Partnerin aufbl\u00e4hen lies.<\/p>\n<p>Ich habe eine Person in einer anderen Person entstehen sehen.<br \/>\nBis kein Platz mehr war.<\/p>\n<p>Nun sehe ich die Kr\u00e4fte der Austreibung, die sie \u00fcberw\u00e4ltigen. Peristaltische Kr\u00e4fte, die ihre inneren W\u00e4nde durchziehen und die Person hinaustreiben wollen, die in ihnen wohnt. Die Kr\u00e4fte kann sie nicht vermeiden, so wie niemand das Schlucken, das \u00dcbergeben oder das Verdauen kontrollieren kann.<br \/>\nIch sehe, wie dieser Prozess sie mit Schmerz erf\u00fcllt. Zun\u00e4chst in kleinen Wogen, sp\u00e4ter in wirklichen Wellen, die immer st\u00e4rker werden, wie ein Meer, das langsam immer unruhiger wird.<\/p>\n<p>Und jetzt sind wir mitten im Unwetter. Sie hat den Sturm in sich. Ich sehe ihn in ihren Augen, w\u00e4hrend ich sie festhalte und sich die Welt zu bewegen scheint wie die Kaj\u00fcten eines Schiffs.<\/p>\n<p>In diesem tiefen, unergr\u00fcndlichen Meer in ihr, sehe ich pl\u00f6tzlich reale Wellen auf ihrem Bauch. Und das ist keine Metapher: Ich sehe kurze, schnelle Wellenbewegungen, die wie ein Schrei vibrieren.<\/p>\n<p>\u201eIch sehe deine Kontraktionen\u201c, sage ich zu ihr und weine wie ein Astrophysiker, der nach Dekaden theoretischer Vorlesungen zum ersten Mal die Wellen des Universums mit eigenen Augen sieht, denn nun sind die Wehen nicht nur etwas, von dem mir B\u00fccher und ihre schmerzerf\u00fcllten Schreie berichten, sondern eine Realit\u00e4t, die nun zwischen meinen H\u00e4nden passiert, w\u00e4hrend ich sie halte.<\/p>\n<p>Es sind die Wellen, die mein Kind mit einer grenzenlosen Gewalt hinausdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Dann sehe ich mein Kind zum ersten Mal. Einen Kopf, der aus ihrer Scheide herausragt und ersch\u00f6pft herabh\u00e4ngt. Meine Frau presst ein weiteres Mal und reitet auf der letzten Schmerzwelle, mit der sie sich wie eine Einheit aus Fleisch und Notwendigkeit vereint. Der K\u00f6rper meines Kindes f\u00e4llt nun in G\u00e4nze wie organischer M\u00f6rtel auf das Bett, eine lange fleischige Schnur verbindet sie noch mit ihrem alten Universum.<\/p>\n<p>Ich sehe die Schultern meines Kindes und sehe dabei meine und die meines Vaters.<\/p>\n<p>Es atmet schwer und weint mit tonloser Stimme.<\/p>\n<p>Was wissen sie schon von Gewalt? Wenn M\u00e4nner geb\u00e4ren k\u00f6nnten, g\u00e4be es weniger Gr\u00e4uel auf der Welt.<\/p>\n<p>Ich erlebe die Geburt meines Kindes wie eine Transformation, voller Schmerz und Erkenntnis: Ein Sakrament, dass das Primitivste und das H\u00f6chste wie Pole einer Achse miteinander verbindet und gemeinsam den Sinn und die Absurdit\u00e4t des Seins kreiert.<\/p>\n<p>Die Geburt meines Kindes erweitert mein Universum: Neue Visionen, neue Erinnerungen, neue W\u00f6rter, neue Fragen, ein neues Morgen.<\/p>\n<p>Eine neue Dimension, die du in unsere Leben einf\u00fchrst und von der ich noch nicht wei\u00df, wie wir mit ihr zurechtkommen werden.<\/p>\n<p>Die Ameise findet sich auf dem Boden wieder, ihrer neuen Oberfl\u00e4che.<br \/>\nUnd auch ich finde neuen Boden unter meinen F\u00fc\u00dfen: die Topografie des Alltags in einem Leben als Familie.<\/p>\n<p>Dimensionen sind keine entfernten Orte, sondern Freiheitsgrade. Die Dimensionen, wie viele es auch seien, sind hier und jetzt. Das Ziel ist nicht, sie zu erreichen, sondern sie wahrzunehmen: Die Freiheit, uns entlang ihrer unendlichen Achse zu bewegen, auf der die Dimensionen das Universum durchqueren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. Eine Ameise krabbelt auf der Oberfl\u00e4che eines gro\u00dfen Luftballons. 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